Die Polizei hat ein Männlichkeitsproblem, das ist offensichtlich. Sie ist eines der Refugien hegemonialer Männlichkeit, das sich hartnäckig hält und in dem die Codes für die Dominanz des symbolisch Männlichen und die Abwertung des Weiblichen beständig reproduziert werden. Unter den Bedingungen des Spätkapitalismus sind diejenigen Strukturen, die einst die historische Allianz zwischen männlichen Körpern, Aktivität, Potenz, Macht und Gewalt hervorbrachten, in rechtlicher Hinsicht aufgebrochen: Die Entdeckung weiblicher Arbeitskraft sowie die feministischen schwubilesbischen und queeren Bewegungen der 70er bis 90er Jahre führten zur rechtlichen Verankerung des Gleichstellungsprinzips und des Diskriminierungsverbots. Die erfolgreiche Weigerung der Frauen, als komplementärer Gegensatz und Spiegelbild symbolischer Männlichkeit zu fungieren und die männliche Herrschaft über sich ergehen zu lassen, eröffnete ihnen neue Handlungsmöglichkeiten jenseits „traditioneller“ Weiblichkeit, Passivität, Ohnmacht und Hysterie.

Hegemoniale Männlichkeit kann jedoch auch dort weiterbestehen, wo weibliche Handlungs- und Verhaltensmuster verändert und aufgebrochen werden, wo die Konstruktion „Frau“ selbst infragegestellt wird. Zum Beispiel in Männergemeinschaften, in denen hegemoniale Männlichkeit als Identifikation miteinander sowie als subtiler Wettbewerb um die härtesten Eier und den größten Schwanz untereinander fortbesteht. Eine solche Männergemeinschaft ist die Polizei, die Innenministerkonferenz übrigens auch und auch sonst bietet die bürgerliche Gesellschaft ihren Männern noch immer Refugien zur Einübung ihres herrschaftlichen Habitus. Zwar dürfen auch Frauen mittlerweile in den Polizeidienst eintreten, durfte eine Frau Vize-Polizeipräsidentin werden und sind Streifenwagen oft geschlechtlich durchmischt. Gleichzeitig existieren jedoch noch immer Bereiche polizeilicher Arbeit, in denen männliche Dominanz nicht nur Fakt, sondern auch erwünscht und vielleicht sogar erforderlich ist: mensch sehe sich nur mal die Hundertschaften der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten, kurz BFE an, und zähle die Ausnahmen von der männlichen Regel an einer Hand ab.

Im letzten Jahr wurde der Fall eines Mannes bekannt, der trotz überdurchschnittlicher Ergebnisse in der Aufnahmeprüfung nicht für den Polizeidienst zugelassen wurde – weil er keinen funktionstüchtigen Hoden besaß und – als frühere Frau, die sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hat, auch niemals besessen hat. Mindestens einen funktionstüchtigen Hoden fordert die Polizeidienstverordnung 300 aus dem Jahr 1998 jedoch jedem männlichen Polizeidienstanwärter ab, polizeitauglich sind nur Männer mit Eiern. Was auf den ersten Blick nur offensichtliche Diskriminierung mit komischer Pointe ist und wie ein Relikt preußischer Herrschaft aus dem 18.Jahrhundert wirkt, deutet auf die konstitutive Bedeutung einer bestimmten Form hegemonialer Männlichkeit für die Polizei hin: vermutlich ist die Orientierung an Formen archaischer, gewaltbereiter und überlegener Männlichkeit in Konfliktsituationen sogar wichtiger für polizeiliches Handeln als Legalität und Illegalität.

Sobald die Polizei das staatliche Gewaltmonopol durchsetzen muss, in Konfliktsituationen also, in denen Recht und Ordnung erst wieder hergestellt werden müssen, bewegt sich polizeiliches Handeln gewissermaßen jenseits von Recht und Ordnung, in einem Graubereich der zwar Exzesse, aber keine klaren Grenzen und Normierungen kennt. Als rechtsdurchsetzende Gewalt ist die Polizei hin und wieder mit einer Autonomie ausgestattet, die kaum der Kontrolle durch die rechtssetzende Gewalt obliegt. In diesem Graubereich sind nicht mehr Verordnungen und Paragraphen, sondern kulturelle Muster und habituelle Praktiken handlungsleitend. Ein Bulle, der zuschlägt, um eine Demo zu räumen oder schießt, damit seine Kugel zuerst trifft, braucht Denk- und Handlungsmuster, die seine Gewaltausübung, wenn schon nicht mit Gerechtigkeit, so doch mit anderen positiven Attributen normativ rechtfertigen. Hegemoniale Männlichkeit ist dafür wie geschaffen: als historische Allianz zwischen Männlichkeit, Macht und Gewalt erlaubt sie es, das schmutzige, gewaltsame Kerngeschäft polizeilicher Arbeit umzudeuten und in jenes heroische Gewand des potenten, überlegenen Mannes, der seinen Gegner das Fürchten und Unterordnen zu kleiden. Das zerbröckelnde Patriarchat dient so noch in seinem Ableben Staat und Kapital, indem es die von ihm errichtete symbolische Ordnung zu ihrem Schutz bereitstellt.

Was heißt das nun für uns, die wir auf der anderen Seite stehen? Auch Frauen in der Polizei können sich an Mustern hegemonialer Männlichkeit orientieren, auch wenn ihnen ein Kriterium – der männliche Körper – in der Regel fehlt. Grundsätzlich kann es uns egal sein, ob, wer den Knüppel schwingt, männlich, weiblich oder nichts von beidem ist. An der Notwendigkeit der Revolution wird das nichts ändern. Wir müssen uns nicht heute mit den Frauen solidarisieren, die uns morgen prügeln wollen. Genausowenig jedoch werden wir ihre Gewalt und ihre Knüppel brechen können, wenn wir unsere jugendliche Mackerhaftigkeit gegen ihre gepolsterte Männlichkeit stellen. Im Gegenteil: Die Konfrontation von Mann zu Mann unter Bedingungen des Schwanzvergleichs endet immer in der herrschenden Idiotie und ist Vorraussetzung derselben. Außerdem sitzt die Polizei nicht nur symbolisch am längeren Hebel, sie ist uns ganz real physisch und maschinell überlegen. Nur wenn es uns gelingt, die hegemoniale Männlichkeit in Polizei und Gesellschaft gegen diese zu nutzen, sie bloßzustellen und mit ihr zu spielen, sie zu irritieren statt sie ernstzunehmen, zu verführen statt zu überwältigen, listig zu sein und nicht nur leichtsinnig, nur dann können wir ihren Maschinen und ihrer Gewalt etwas entgegensetzen. Unsere Militanz muss sich von der ihren radikal unterscheiden – immer einen Schritt voraus, mit Hirn statt Knüppeln und mit Vielfalt statt einer in Zweiteilung erschöpften Differenz: Gegen ihre Herrschaft und für das Spiel mit unendlichen Möglichkeiten, für ein schönes Leben, für Liebe, Luxus, Communismus.